Theaterkritik

„Creeps“ – Die Theater AG KWI gibt ein Stück von Lutz Hübner

Ende Mai stand die Theater AG der Kantonsschule Wiedikon fünf Mal auf der Bühne. Und überzeugte einmal mehr. Regie führten Boris Haufler und Annette Aellig.

„The world is waiting for you.“ Dies die grosse Lüge zu Beginn des Stücks. Die Stimme aus dem Off, welche die Protagonistinnen, drei jungen Frauen von 16 und 17 Jahren, im Studio von Creeps willkommen heisst. Einem Trend- und Music-Show-Format. In der Folge wird die Bühne zur Arena, denn die drei Frauen wollen alle denselben Job: Die Moderation der Show und sie - die gemeint hatten, sie hätten den Job schon auf sicher – finden sich unverhofft in einem Casting um die Stelle. Und im Kampf jede gegen jede. Ein Drama in drei Akten – oder eben 3 Staffeln. Und eine kleine, witzige, mitunter träfe Betrachtung über das momentan grassierende Castingunwesen. In allen drei Staffeln erscheinen dieselben Figuren, in jeder Staffel aber von anderen Schauspielerinnen gespielt. Was wohl aus der Not entstand – zu viele Schauspielerinnen für zu wenig Figuren – gibt der Inszenierung einen zusätzlichen Reiz.

Schon bald einmal fragt man sich, ob die drei Mädchen tatsächlich für die Endauswahl einer Trendshow die richtige Auswahl sind. Und ob die Welt wirklich auf solche Figuren wartet: Petra ist eine maximal klischierte Ossi-Tussi, die sich auf Schritt und Tritt durch Unkenntnis und Tollpatschigkeit auszeichnet, mit einem Vokabular, das schon bessere Jahre gesehen hat („Clique“, „kultig“ … und die immer einen Tick zu spät bemerkt, dass sie sich selbst zum Trottel macht.

Das Publikum folgt von Beginn gebannt dem Spiel der Schülerinnen. Und das lohnt sich auch. Natürlich sind es drei sehr unterschiedliche Typen, die da aufeinander treffen. Es spielen mit: Petra Kowalski (Carmen Frei, Catrina Klee, Samira Müller) aus Chemnitz respektive Karl Marx-Stadt, wem das noch was sagt; Maren Trebuyken (Silja Graf, Simona Pantic, Meret Klee) aus Hamm bei Dortmund und Lilly Marie Teetz (Nurit Blatman, Sarah Simmen, Letizia Molinaro) aus Hamburg.

Schon bald einmal fragt man sich, ob die drei Mädchen tatsächlich für die Endauswahl einer Trendshow die richtige Auswahl sind. Und ob die Welt wirklich auf solche Figuren wartet: Petra ist eine maximal klischierte Ossi-Tussi, die sich auf Schritt und Tritt durch Unkenntnis und Tollpatschigkeit auszeichnet, mit einem Vokabular, das schon bessere Jahre gesehen hat („Clique“, „kultig“ … und die immer einen Tick zu spät bemerkt, dass sie sich selbst zum Trottel macht.

Maren ist nicht weniger klischiert: Esoterik-Tante mit Mondstein, fährt voll auf Öko, Harmonie, Emanzipation und eben – Esoterik ab. Und bleibt uns Zuschauenden die Antwort schuldig, was sie mit solchen Ideen und Idealen auf einer Trendshow verloren hat. Sie weiss es selber nicht.

Lilly schliesslich: Eine Schlange – bösartig, attraktiv und clever. Aus Hamburg natürlich. Denn das Stück spielt nicht nur mit Klischees, es ist auch durch und durch klischeehaft. Ist ja auch nicht verboten und unterhält ungemein: So macht die Grosstädterin Lilly die Frau vom Land (Maren) und die aus dem „wilden Osten“ (Petra) so richtig zur Schnecke und nimmt auch sonst kein Blatt vor den Mund. Als in der 1. Staffel alle aufgefordert werden, ein Intro zu improvisieren, so gelingt das nur Lily: „Ich bin Lily, merk dir mein Gesicht, und wenn du morgen in einen Club gehst und ich bin nicht da, dann weisst du, dass der Laden aus ist.“ Und als sie daraufhin gebeten wird, noch etwas human touch zu bieten und etwas Persönliches zu erzählen: „Mein erster Hamster hiess Henrie, den hat mein Bruder im Klo runtergespült. Touchy enough?“

Herrlich intrigant ist die Art und Weise, wie sie ihre Konkurrentinnen in den Interviews vor laufender Kamera sich selber erledigen lässt: So fordert sie Petra auf, das Interview auf Englisch zu führen, was natürlich im Desaster endet und Maren lässt sie mit wenigen Fragen als Aussenseiterin und Verliererin dastehen („Und in der Schule drücken alle kräftig die Daumen“ – „Aber dein Freund, oder“? – „Ich finde es echt mutig, dass du so ganz ohne Unterstützung dein Ding durchziehst …“) Spätestens hier wäre klar, dass Lilly gewinnt, wenn – ja wenn das ganze Casting nicht ein fieses Spiel wäre: Die jungen Frauen – ohne es zu wissen – arbeiten nicht auf eine künftige Show-Karriere hin, sondern sie sind Teil der Show, sie sind nicht die Stars, sie sind das Produkt. Sie sind nicht die Heldinnen, sondern die traurigen Opfer einer Big-Brother-Show – nur ohne ihr Wissen.

All ihre Peinlichkeiten, Streitereien, ihre unfreiwillige Komik, ihre Bosheit und Dummheit: Sie sind das Material für ein Tape. Für Creeps eben. Und so kommt – als sie dies endlich kapieren – zum guten Ende der Text zu einer Verschwisterung der ungleichen Figuren.

Das Stück hat also seinen Reiz, ist bestimmt nicht umwerfend, aber es unterhält. Umwerfend sind aber einzelne schau-spielerische Leistungen. Während ohne jede falsche Höflichkeit gesagt werden kann, dass alle Schülerinnen in ihren Rollen überzeugten (was nicht selbstverständlich ist), so drängt es mich doch zum Geständnis, dass mich vor allem Simona Pantic als Maren aus der 2. Staffel einfach umwarf durch ihre Präsenz und Glaubwürdigkeit. Wie sie aus der zu Beginn der Staffel noch hoffnungsfrohen Figur zur absoluten Niedergeschlagenheit „runterfährt“, ist Klasse. Umwerfend auch das schlecht gesungene Lied (das muss man erst mal so können) und der hysterische Anfall.

Ein wenig ratlos bleib ich bei der Sache doch. Ob die Geschichte nun eine Moral hat oder nicht: Ideologien transportiert ein Kunstwerk immer. Urteilt, verurteilt, spricht schuldig, selig und frei. Hier aber verstehe ich am Ende nichts. Ausser: Am Ende sind die Teilnehmer einer solcher Casting Show die Dummen. Aber das wussten wir ja eigentlich schon.

Trotzdem: Nicht nur (aber auch) pädagogische Freude an der Theaterleidenschaft der Schülerinnen, sondern gute Theaterunterhaltung.

Peter Küng

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