Die Arbeitsgemeinschaft Theater spielte Raymond Queneaus „Stilübungen“
„Etwas erzählen – aber was?“, steht als Frage an so manchem Erzählanfang. „Etwas erzählen – aber wie?“, ist die Frage, die den Erzähler in Queneaus „Stilübungen“ umtreibt. Und mit ihm die AG Theater, die Anfang März in fünf Aufführungen ihre packende, unterhaltsame und zuweilen irritierende Interpretation auf die Bühne brachte. Regie führte Boris Haufler.
Worum es geht? Immer wieder um dasselbe – oder auch wieder nicht. Die Handlung: Ein junger Mann erlebt im Autobus einen kleineren zwischenmenschlichen Zusammenstoss. Zwei Stunden später wird derselbe Mann wieder gesichtet; dieses Mal mit einem Kameraden, der ihn darauf hinweist, dass sich jener einen Knopf an seinen Überzieher nähen lassen sollte.
Ist das alles? Ja – und nein: Das ist tatsächlich die ganze Handlung, aber nicht die ganze Geschichte. Dieselbe Handlung kann bekanntlich (theoretisch) in unendlich vielen Varianten erzählt werden. Nur wer tut das schon? Der Franzose Raymond Queneau hat es („annähernd“) getan. 1947 sind seine „Exercices de style“ erschienen. In 99 „Übungen“ lässt er dasselbe Geschehen ganz unterschiedlich erzählen. Beinahe die Hälfte dieser „Übungen“ hat die AG Theater ausgewählt und auf die Bühne gebracht. Und wie!
Der Reihe nach, wenigstens ein paar Zeilen: Der Vorhang ist zu, Dunkelheit erfüllt den Raum, und bevor das Spiel beginnt, wird der athmosphärische Rahmen abgesteckt: Ein Musikstück aus Amélie Poulain erklingt, „Pas si simple“. Wir sind also wohl in Frankreich. Und sehen erstmals Queneau selbst auf der Bühne. Schreibend, selbstzweifelnd, seine Geschichte erdenkend. Ein Dandy an der Schreibmaschine. Gern wäreer ein Schriftsteller, gern schriebe er Oden und Sonette, so hören wir ihn klagen. Dazu aber müsste er sich Regeln beugen. Und Regeln mag er nicht. So berichtet er seine so alltägliche Handlung, indem er sie (ironischerweise und im wahrsten Sinn des Wortes) nach allen Regeln der Kunst variiert. Queneau verschwindet aber erst einmal von der Bühne und macht seinen „Stilübungen“ Platz.

Atemberaubende Variationen …
"Was folgt, sind über dreissig Szenen, die nicht unterschiedlicher sein könnten und dennoch überzeugend zusammengehalten werden: Vom Inhalt, von der Stimmung und von den Schauspielerinnen und Schauspielern, die von Szene zu Szene in neue Rollen schlüpfen. Es sind Einzelszenen, Dialoge, Gruppenszenen. Sie werden geschrien, geflüstert, deklamiert. Die Handlung ist Diskussionsgegenstand einer Literatursendung, Thema einer Schulstunde und eines Verhörs; sie wird von einer dämonisch lachenden Wahrsagerin in die Zukunft verlegt, wird von einem Voyeur lauthals verkündet, wird aus der Perspektive von munter parlierenden Nasen, Ohren, Augen und Zungen berochen, belauscht, beäugt und beschmeckt, so dass das Publikum mit Metaphern konfrontiert wird, wie nur eine Nase sie sich erdenken kann: „Geruch nach Äbten, nach Verblichenen, nach Kot, nach Flügeln, nach Kotflügeln, nach Hassliebe mit Arschfürzen, nach abscheulichen Gasen, nach nackten Maden, nach doppelten WC’s, nach alten Jungfern ...“
Die Handlung wird in Fäkalsprache kolportiert, in schwülstigem Pathos vorgetragen, in Alexandrinern und freien Versen rezitiert. Wir hören, wie eine Mutter die Geschichte ihrem Baby erzählt; hören sie von einem Betrunkenen; von einem Biologen; einem Mathematiker und von einem pechschwarzen Reaktionär. Gerade letzterer lässt daran denken, dass eine Geschichte zu erzählen, wie belanglos diese auch sei, immer auch heisst, Ideologien zu transportieren und einer Geschichte zu lauschen, immer auch heisst, sich diesen ein Stück weit auszusetzen. Und dass es nicht so sehr der Inhalt einer Erzählung ist, sondern eben das „Wie“, das hierbei die entscheidende Rolle spielt.
Am Ende, nach zwei Stunden grossartiger Unterhaltung, kehren wir wieder zum Anfang zurück: Queneau stellt resigniert fest, dass er doch nicht schreiben kann. Wir wissen es nun ja ein bisschen besser.

... und wie es zu ihnen kam
Ein halbes Jahr hatten die Schülerinnen und Schüler unter der Leitung von Boris Haufler in einem Theaterworkshop dramatisches Spielen geübt und gelernt. Ein weiteres halbes Jahr dauerte die Probe am Text. Wobei dieser, so wie er zur Aufführung kam, erst erarbeitet werden musste und sich stetig veränderte. Erst wenige Wochen vor der Aufführung wurde der Probentext „eingefroren“.
Die Schülerinnen hatten sich zu Beginn des Probeprozesses Szenen ausgewählt, die sie gerne spielen würden. Da galt es sich auch abzusprechen, zusammenzuarbeiten, Kompromisse einzugehen, aber auch Realisierungsmöglichkeiten zu prüfen. Nicht jede Szene eignete sich gleich gut für eine Dramatisierung. Haufler brachte daraufhin die Szenen in eine überzeugende Abfolge und konstruierte die Rahmenhandlung, in der er den Erzähler in Szene setzte. Geprobt wurde jeden Samstagmorgen. Auch vor den Ferien. In beiden Semestern.
Die Tatsache, dass sich die Schülerinnen selbst Szenen aussuchen und auch ihre Ideen für die Umsetzung einbringen konnten, machte diesen Text für eine Umsetzung im Rahmen eines Schultheaterprojektes attraktiv. Laut Haufler weist dieser Text für das Schultheater weitere Vorteile auf: Einerseits bietet sich der Prosatext für eine dramatische Umsetzung geradezu an (und so hat denn das Theater den Text schon früh und erfolgreich für sich entdeckt, nicht nur in Frankreich), andererseits haben die „Stilübungen“ gegenüber den meisten klassischen Dramen den Vorteil, dass sie sich nicht auf einige wenige Hauptpersonen konzentrieren. Jede Figur ist hier potentiell gleich zentral, jede Figur kann im Mikrouniversum ihrer kleinen Szene absolute Wichtigkeit beanspruchen. Ferner spielt das Geschlecht in den meisten Szenen keine Rolle. Gute Bedingungen also für die Tatsache, dass in der AG zehn Frauen nur zwei Männer gegenüber stehen. Gegenüber dem Übergewicht männlicher Rollen in zahlreichen Dramentexten.

Ein neues Projekt ist noch nicht geplant. Aber Boris Haufler bleibt weiterhin am Ball. Es ist zu wünschen, dass dies auch die Schülerinnen und Schüler tun, die ihr Können gezeigt haben und die man sehr gerne wieder auf der Bühne sähe, immer gerne auch mit neuen, theaterbegeisterten Schülerinnen. Und Schülern.

Peter Küng